Plattenkritik

MY TICKET HOME - unReal

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Info

Release Date: 06.10.2017
Datum Review: 25.10.2017
Format: CD Digital

Tracklist

 

01. Thrush
02. Flee the Flesh
03. Flypaper
04. Time Kills Everything
05. Hyperreal
06. Redline
07. Joi
08. Gasoline Kiss
09. Cellophane
10. Down Life
11. We All Use
12. Melancholia
13. Visual Snow

Band Mitglieder

 

Members Nick Giumenti - voc
Matt Gallucci - git
Derek Blevins - git
Marshal Giumenti - drums, voc

MY TICKET HOME - unReal

 

 

Alles kommt wieder. Die 80er werden in Großraumdiskos rauf und runter gedudelt, die 90er sind dank Fila und Levi´s omnipräsent, die Ästhetik der frühen Internetjahre dient derzeit in vielen Musikvideos als stilistischer State of the Art und musikalisch wähnt man im Radio AALIYAH wieder auferstanden. Shoegaze hält derzeit in nahezu jede Indieband Einzug, Emobands kokettieren mit Grunge und die zuletzt kommerziell eher erfolglosen Punkbands der 00er-Jahre feiern ihren altbackenen Sound in ausverkauften Hallen. Das ganze ist natürlich alles nur halbironisch ernst gemeint, schließlich will ja niemand ernsthaft zugeben, dass früher alles besser war. Oder doch?

Da gab es z.b. noch den Nu-Metal. Oftmals gescholten, diskreditiert, totgeredet (ok das stimmte irgendwann wirklich), für untrue befunden und und und… Aber ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass jeder über 20 mindestens eine DEFTONES-Scheibe zu Hause verstauben lässt, zu LIMP BIZKITs „Rollin“ gefeiert hat und bei „Last Resort“ vermutlich noch heute mit dem Kopf nickt. Das Genre war anno 2000 schon nicht wirklich innovativ und das ist es bis heute nicht. Es war mir nicht einmal bewusst, dass es überhaupt Bands gibt, die diesen frühen 2000er-Style noch spielen, ohne dabei bereits im Rollstuhl zu sitzen. Ok, der war übertrieben, i know.

Das aktuellste Genrerevival wird eingeläutet von MY TICKET HOME. Die Band aus Ohio existiert in verschiedenster Form bereits seit 2008, ist sogar einigermaßen erfolgreich und veröffentlichte mit „unReal“ (allein diese Schreibweise ey) bereits ihr drittes Album: Und das klingt so krass hängengeblieben, unfassbar. Hab mir während des Hörens direkt eine alte Tripple 5 Soul-Baggy angezogen, die Fatlaces meiner Adidas-Superstars festgezogen, beim Skaten die Kniescheiben kaputt gemacht und das Yankees-Cap umgedreht. Und da die Welt (bin wieder 15) nunmal verdammt beschissen ist für ein weißes Mittelstandskid, hab ich auch direkt schlechte Laune. Fuck You. Fuck Everything. I werde auf jeden Fall nicht das tun, what you tell me. Und wenns nur meine Mutter ist, die mir sagt, dass es Essen gibt - Nope:

„Follow me. I don't need no time to stay // Just look at the way we fell“

Bevor das ganze hier aber zum unnötigen Rant ausartet: „unReal“ macht Spaß. Textlich ist das hier alles unterstes Highschool-Niveau, musikalisch fehlt es an jeglicher Innovation und generell hat dieses Genre zu Recht niemand wirklich vermisst. Aber nochmal: „unReal“. Macht. Spaß. Die Platte ist stimmig, kurzweilig, etwas altbacken (vintage), aber druckvoll produziert und die Band wirkt dabei wunderbar authentisch und unaufgesetzt. Dabei ist es auch egal, dass der Eröffnungstrack „Thrush“ wie von QUICKSAND klingt, Nick Giumenti und sein Bruder ihre Stimmen mit den how-to-sound-like-chino-moreno-effekt-presets-aus-der-hölle eher verschlimmbessern („Redline“), generell jedes Gitarrenriff verdächtig nach „White Pony“ klingt und der Drumgroove („Gasoline Kiss“) gefühlt in allen der 13 Songs der gleiche ist.

MY TICKET HOME füllen die (musikalische) Lücke, welche nach dem Ableben einer der letzten großen Nu-Metal-Koryphäe entstanden ist, ganz gut aus. Und da selbst LINKIN PARK nach „Meteora“ eher mit Elektro-, Pop- und Stadionrock kokketierten, ist es fast schon erfrischend, wieder einmal klassischen Nu-Metal um die Ohren geballert zu bekommen. Ob´s jemand vermisst hat? Vermutlich nicht. Aber: alles kommt wieder.

 

Autor

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Sebastian

Autoren Bio

Basti // 29 // Berlin // Hiphop bis Blackmetal