26.01.2018: FJØRT, EAST - Stuttgart - Universum

 

Wie wichtig ist bitte diese Band? Drei Typen, jede Menge Energie, Wucht und Emotionalität. Auch 2018 sind FJØRT aus Aachen von der Speerspitze des deutschen Posthardcores nicht wegzudenken. Auf ihrer "Couleur"-Tour macht das Trio Halt im Stuttgarter Universum. Das Konzert ist, wie fast alle ihrer Gigs derzeit, restlos ausverkauft.

Doch der Reihe nach. Als Support haben die Aachener die Emo-Band EAST mit dabei. Die Bandmitglieder kommen aus Berlin, Hamburg und Trier. Zwar gehen die fünf Jungs musikalisch in eine völlig andere Richtung als der Headliner, trotzdem ziehen sie das schon gut gefüllte Universum schnell auf ihre Seite. Die Band (allen voran Sänger Benning und Bassist Mertes) zeigt vollen Einsatz auf der Bühne, die für fünf Mann fast schon ein bißchen zu klein ist. Die Songs erinnern mal an die frühen THE GET UP KIDS, mal wähnt man eine Progressive Rock Band vor sich zu haben. Auch wenn die Technik manchmal nicht mitspielt (das Mikro verabschiedet sich einige Male), der ruppige, ungeschliffene aber stehts melodiöse Sound kommt im 30-Minuten-Set an.

Und dann, endlich, FJØRT. Als Intro läuft Westernhagens "Mit Pfefferminz bist du mein Prinz" - ob von der Band oder vom Club geplant bleibt ein Mysterium. Die Bühne wird in Nebel und blaues Licht getaucht und drei Männer schaffen es in Sekundenbruchteilen eine intensive Lawine aus Druck und Energie loszutreten. "Südwärts", das langsam Fahrt aufnimmt, um sich dann bei der Zeile "Rückwärts war nie vorgesehen" zu einem fiesen Brecher zu verwandeln, ist der ideale Einstieg ins Konzert. Mit "Eden" und "Anthrazit" legt die Band gleich zwei super Songs hinterher.

In Zeiten von offen ausgelebtem Rechtspopulismus, Flüchtlingshetze und dem schwindligen Gefühl, dass die ganze Welt ein Stück nach rechts rückt, muss die Wut und das Unverständnis irgendwohin. FJØRT schaffen es, diese Ohnmacht in einer Zeile zusammenzufassen. Eine Zeile in "Raison", die alles herausschreit, was herausgeschrien werden muss. "Ich bin so müde vom Zählen. Ich habe 1933 Gründe schwarz zu sehen."

"Paroli", die "Lasst-uns-die-Fäuste-gemeinsam-ballen-Hymne", geht in eine ähnliche Richtung. "Auf zwei von denen, kommen zehn von uns" heißt es da. Das Publikum ist textsicher und wirft der Band die wuchtige Zeile mit der Wut entgegen, mit der sie beabsichtigt und geschrieben wurde. Nicht fehlen darf natürlich auch ein kleines Statement gegen braune Hetzer (besonders direkt die AfD), das Bassist David Frings aber nicht unbedingt als politisches Statement verstanden wissen will. "Werdet nicht müde! Werdet nicht müde zu sprechen, zu informieren." Im Internet solle man das allerdings weniger tun, eher draußen auf der Straße, vor Ort, im Büro, im Alltag.

Zurück zur Musik: Die Setlist weiß zu gefallen. Natürlich sind die wichtigen Songs des neuen Albums "Couleur" alle vertreten. Mit "Kontakt", "D'accord" und "Valhalla" werden aber auch die Fans der beiden Vorgängeralben bedacht. Bei der Zugabe gibt es mit "Kleinaufklein" dann sogar einen Song von der Debüt-EP "Demontage".

Für ihren Support EAST finden sie nur lobende Worte. Für einen Fan, der beim Support in der ersten Reihe stand, eher weniger. "Ich habe vorhin gehört, dass einer bei EAST gerufen hat: spielt doch mal was von Slayer", sagt Bassist David Frings. "Das ist respektloses Behandeln eines Supports. Wenn du Slayer hören willst, dann kauf dir doch ein tolles VIP-Ticket inklusive fünfminütigem Meet and Greet für 850 Euro." Das Statement wird mit Szenenapplaus quittiert.

Wie soll man solch ein Konzert zusammenfassen? Vielleicht mit einem Auszug aus einem Interview, das FJØRT 2016 gegeben haben.
"Jedes Mal, wenn wir eine Platte schreiben, sind wir danach völlig leer, da wir unsere Musen bis auf's Letzte kitzeln und alles aus uns rausholen wollen, was zu dieser Zeit nur möglich ist."

Perfekt, dass das auch für ihre Live-Shows zutrifft. Nach 100 Minuten endet eine mitreißende Show. "Wir hoffen, ihr geht mit einem guten Gefühl nach Hause und gebt dieses Gefühl weiter", fasst die Band den Abend zusammen. Keine Sorge, das gute Gefühl wird noch eine lange Weile anhalten.